Von Raimund Paetzmann
Künstliche Intelligenz ist derzeit auf dem Weg zum Betriebssystem der Welt zu werden. Europa hat kaum eigene Modelle. Es gibt sie, Mistral in Frankreich, Aleph Alpha in Deutschland, aber im Verhältnis zu den amerikanischen Häusern sind sie in Bezug auf Rechenleistung und Kapitalausstattung winzig. Viele mögen sagen, dass das nicht schlimm sei. Wir nutzen ja die amerikanischen Modelle. Das ist das „Windows-95-Denken“ von gestern. Auf die Modelle haben wir wenig Einfluss. Auf das, worauf sie laufen schon, denn Rechenleistung braucht den Boden und den Strom, und das ist ein wichtiger Anteil. Zu wichtig, um ihn zu ignorieren, da passende Standorte eben begrenzt sind. Wir müssen also strategisch vergeben, statt ihn zu verauktionieren. Es geht darum, ob wir weiter opportunistisch unterwegs sind oder souverän.
Es gibt derzeit kaum eine Investmentkonferenz, auf der nicht über die großen Potenziale der Data Center gesprochen wird. Die Nachfrage explodiert, die Mieten tragen, die Fonds drängen hinein. Wer eine Logistikhalle plant, verhandelt längst nicht mehr nur über das Grundstück, Höhe und Andienung. Er verhandelt über Strom und stößt dort auf einen neuen Wettbewerber, der für dieselbe Fläche ein Vielfaches zahlt.
Doch über was reden wir dort? Ein Rechenzentrum ist kein gewöhnliches Renditeobjekt. Es ist die Infrastruktur, auf der künstliche Intelligenz läuft. Und um zu verstehen, warum wir bei seiner Vergabe strategisch werden müssen, muss man einen Schritt zurücktreten, weg von der Immobilie, hin zu der Frage, was gerade mit uns geschieht.

KI wird das Betriebssystem der Welt
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, und hinter dem Lärm steckt eine schlichte Entwicklung. Bleibt es auf diesem Pfad, wird KI so etwas wie das Betriebssystem der Welt, die Schicht, auf der Verwaltung, Industrie und Wissenschaft künftig arbeiten. Vereinfacht gesagt: Wer keine KI hat, ist nicht mehr wettbewerbsfähig.
Europa hat kaum Eigene. Und die Mehrheit findet das nicht weiter schlimm, so wie wir auch kein eigenes Google und kein eigenes Microsoft haben und trotzdem gut damit leben. Das klingt vernünftig. Es ist das Denken von gestern. Denn dieses Denken ruht auf einer Annahme, die Jahrzehnte gestimmt hat und gerade zerbricht: dass die USA unser uneingeschränkter Freund sind, auch weil sie im europäischen Markt einen Wert sehen. Was sich hier ändert, können wir noch nicht ganz einordnen. Sicher ist nur: Es ist nicht mehr dasselbe.
J.D. Vance, Vizepräsident der USA, hat es im Februar 2025 auf dem KI-Gipfel in Paris unmissverständlich gesagt: Ziel sei es, amerikanische KI zum führenden Modell der Welt zu machen, und Europa solle dabei mit freundlichen Regulierungen unterstützen, als Nutzer und nicht als gleichberechtigter Partner. Ein Jahr später wurde daraus Praxis. Der Zugang zu den fortschrittlichsten Modellen eines amerikanischen Anbieters wurde weltweit per Anordnung ausgesetzt, von einer Stunde auf die andere. Auch wenn sie nach kurzer Zeit wieder verfügbar waren, war damit bewiesen, was viele für eine Theorie hielten: Es gibt einen Schalter. Und die Hand liegt nicht bei uns. Es mag ein Kollateralschaden gewesen sein, doch der war real.
Was wir tun können, und was nicht
Daraus folgt nicht, dass wir morgen ein eigenes Spitzenmodell brauchen. Wir müssen nicht an vorderster Front mitrennen, wo Hunderte Milliarden in immer größere Modelle fließen. Wir können anders anfangen, zum Beispiel mit den Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung, die man doch zumindest souverän haben will, mit eigenen, kleineren Sprachmodellen, die genau das können, was ein digitales Amt braucht.
Dass Fokus schlägt, ist keine Hoffnung, sondern Erfahrung. DeepL, ein deutsches Unternehmen, hat sich auf Übersetzungen spezialisiert und war jahrelang besser als der Weltkonzern Google. Auch heute, wo die großen KI-Modelle fast gleichgezogen haben, behält DeepL bei den europäischen Sprachen einen spürbaren Vorsprung. Das ist die Lehre: Wer sich auf ein Feld konzentriert, kann auch im Wettbewerb einen Vorsprung behalten, auch gegen einen Riesen. Und wer bei der Verwaltung anfängt, lernt das Bauen für die schwereren Felder gleich mit. Stellen wir uns mal für einen Moment vor, was möglich wäre, wenn wir ein europäisches Venture Capital hätten, das mit den USA vergleichbar wäre. Das Geld wäre da. Wir haben nur keine Start-up-Kultur, unser Geld ist opportunistisch und scheut Risiko.
Auf die Modelle selbst haben wir kurzfristig wenig Einfluss. Im Moment sieht es aus, als hätten wir nur die Wahl zwischen amerikanisch und chinesisch, wobei die chinesischen Modelle gerade versprechen, genügsamer zu sein, lokal lauffähig und ohne die volle Rechenlast für jede Anfrage. Aber die eigentliche Stellschraube liegt eine Ebene tiefer.
Denn was alle Modelle brauchen, ist Rechenleistung. Die können wir beeinflussen. Wir müssen es sogar, denn sie kommt aus Rechenzentren, und die brauchen zweierlei, das in Europa knapp ist: Boden und Strom.
Der knappe Boden
Strom und Boden am richtigen Ort, mit dem richtigen Netzanschluss, sind endlich. Anders als die USA oder China verfügen wir nicht über scheinbar unendliche Landreserven, in die man einen Rechenpark nach dem anderen setzen kann. Bei uns ist die Fläche knapp, das Netz ist knapp, und beides ist genau dort am knappsten, wo es gebraucht wird. Jedes Megawatt und jeder Hektar, den wir vergeben, fehlen einem anderen.
Und es sind viele, die um dieselbe Fläche ringen. Die Logistik, die Industrie, der Wohnungsbau. In den kommenden Jahren tritt ein weiterer, ernster Bewerber hinzu, den man selten mitdenkt: die Verteidigung. Ein Europa, das wieder in seine Sicherheit investiert, wird Flächen für Produktion, Logistik und Infrastruktur beanspruchen, die es lange nicht beansprucht hat. Der Wettbewerb um den knappen Boden wird härter, nicht weicher.
Wenn eine Ressource knapp ist, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann sie dem überlassen, der zuerst kommt und am meisten zahlt. Das fühlt sich nach Markt an, aber es ist keine Strategie, sondern deren Abwesenheit. Oder man plant, wohin das Knappe fließt, weil man weiß, dass es irgendwann keinen Platz mehr gibt und keinen Strom am richtigen Ort. Genau hier verläuft die Linie: zwischen einem opportunistischen Umgang mit dem Knappen, der jede Nutzung gleichbehandelt, solange die Zahlen stimmen, und einem souveränen, der fragt, was diese Fläche und dieser Strom für den Kontinent leisten, der sie hergibt.
Wem die Kapazität gehört
Denn nicht jede Nutzung ist gleich. Wer die Rechenkapazität kontrolliert, kontrolliert, was auf ihr gerechnet werden darf, zu welchen Bedingungen und für wen zuerst. Solange diese Kapazität einem anderen gehört, unter fremdem Recht steht und im Ernstfall nach fremden Prioritäten bedient wird, ist unsere Abhängigkeit nicht kaufmännisch, sondern politisch. Man kann uns die Miete nicht kürzen. Aber man kann priorisieren, drosseln, Bedingungen setzen.
Und wenn wir jedes verfügbare Megawatt und jeden geeigneten Hektar an die großen ausländischen Betreiber vergeben, bleibt nichts für das Eigene. Dabei entsteht das Eigene gerade. Die Telekom und die Schwarz-Gruppe bauen mit STACKIT erste Ansätze einer souveränen Dateninfrastruktur, Rechenzentren und Cloud, deren Daten auch in der Krise verfügbar bleiben, weil kein fremder Schalter sie erreicht. Solche Vorhaben brauchen Platz am Netz. Wer ihn vorher verauktioniert hat, hat die eigene Entwicklung ausgesperrt, ehe sie begonnen hat.
Das ist kein Aufruf, sich gegen jemanden zu wenden. Amerikanische wie chinesische Anbieter bleiben willkommen. Der Punkt ist nicht, wer baut, sondern wem am Ende die Kapazität gehört, auf die wir angewiesen sind. Souveränität heißt nicht, die Türen zu schließen. Sie heißt, das Haus zu besitzen, in dem die Türen sind.
Es wäre bequem, diese Aufgabe an den Kapitalmarkt zu delegieren. Aber ein Investor ist in aller Regel opportunistisch, solange die Rendite stimmt, und das ist kein Vorwurf, sondern seine Natur als Treuhänder. Er fragt nach Mieter, Laufzeit und Yield, nicht danach, wohin die Anlage strategisch ausgerichtet ist. Also kann die Strategie nicht allein auf seinen Schultern ruhen.
Sie braucht mehrere Hände. Eine öffentliche Planung des knappen Bodens und des Netzes, die entscheidet, wo die großen Knoten entstehen, statt sie zu verauktionieren. Maßnahmen mit Wirkung, etwa die Bedingung, dass ein fester Anteil der geförderten Fläche, des beschleunigten Anschlusses, des mobilisierten Kapitals in europäische Lösungen fließt. Große institutionelle Anleger sollten ihr gesamtes Portfolio in die Strategie einbeziehen. Wer die Pensionen und Versicherungen eines Kontinents verwaltet, gestaltet damit auch einen Teil seiner Zukunft. Ein Portfolio, das in Summe die eigene Abhängigkeit finanziert, ist ein Risiko, auch wenn jede Position für sich sauber gerechnet wurde.
Der Moonshot: Alle Kräfte bündeln
Was hier gebraucht wird, ist keine Politik gegen den Markt. Es ist etwas Schwierigeres: das Bündeln aller Kräfte auf ein gemeinsames Ziel: Staat, Kapital, Industrie und Planung müssen in die gleiche Richtung zeigen. Ein solches Bündnis gab es schon, wenn auch aus anderen Motiven heraus. Als Schuman und Monnet Kohle und Stahl, die strategischen Ressourcen ihrer Zeit, unter eine gemeinsame europäische Hand legten, war das kein sicherer Erfolg, es hätte scheitern können. Es gelang, weil enormes Vertrauen und enorme Investitionen hinter einem Ziel standen. Der unbequeme Unterschied zu heute: Damals war Kapital knapper und stärker gebündelt, es ließ sich leichter hinter einen Zweck stellen. Heute ist es im Überfluss vorhanden, aber fragmentiert. Fülle konzentriert nicht, sie zerstreut. Was einst fast von selbst zusammenfand, müssen wir heute bewusst zusammenführen.
Energie und Rechenleistung sind die Kohle und der Stahl unserer Zeit. Sie verlangen dieselbe Antwort: eine gemeinsame europäische Kraftanstrengung, getragen von mittleren Mächten, ohne dass einer den Herrn spielt. Eine Daten- und Energie-Union. Und das verlangt, Europa neu zu denken. Nicht nur als Binnenmarkt, der die Zusammenarbeit nach innen organisiert, sondern auch als Akteur, der sich für seine Rolle in der Welt aufstellt. Das eine haben wir gelernt. Das andere haben wir verlernt. Zaghaft dürfen wir dabei nicht sein, denn wer sich abhängig macht, es merkt und trotzdem zögert, hat sich zweimal entschieden.
Denn im Grunde entscheiden wir mit jedem Hektar und jedem Megawatt nicht nur über eine Anlage, sondern darüber, wie wir in zehn Jahren in Europa leben werden. Ob wir eine eigene digitale Basis haben oder auf die fremde zählen. Wofür wir unseren knappen Boden- und Stromvorrat einsetzen, ist eine der wenigen Weichenstellungen dieser Dekade, die wir noch selbst in der Hand haben. Noch.
Hören wir auf, das Knappe zu verauktionieren. Fangen wir an, es gemeinsam zu planen.
Raimund Paetzmann ist Managing Partner der Logivalue GmbH und Nutzer der Logistikimmobilie. In diesem Zusammenhang berät die Logivalue GmbH auch Investoren, denn man muss eine Immobilie vom Nutzer hersehen.




