Zu wenig Güter für wirtschaftliche Bahnverbindungen und zu wenige attraktive Bahnverbindungen, um zusätzliche Güter zu gewinnen: Dieser Kreislauf bremst den Schienengüterverkehr zwischen Allgäu, Außerfern, Tirol und Vorarlberg. Dabei fehlt es nicht grundsätzlich an Infrastruktur oder Lösungsansätzen. Vielmehr mangelt es häufig an der Bündelung ausreichender Transportmengen, verlässlichen Verbindungen und der Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteuren.
Wie sich diese Hindernisse überwinden lassen, untersuchte das grenzüberschreitende EUREGIO via salina-Projekt „Güter auf die Schiene“. Der VNL (Verein Netzwerk Logistik) und das Logistik-Kompetenz-Zentrum (LKZ) Prien brachten dafür Unternehmen, Logistikdienstleister, Infrastrukturbetreiber sowie Vertreter aus Politik, Verwaltung und Verbänden zusammen.
Die zentrale Erkenntnis: Mehr Güter auf die Schiene zu bringen, erfordert nicht zwangsläufig neue Gleise. Entscheidend ist, vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen, Transportmengen zu bündeln und wirtschaftlich tragfähige Angebote zu entwickeln. Die Ergebnisse und Handlungsfelder wurden am 13. Oktober 2026 bei der Geiger Gruppe in Herzmanns/Waltenhofen vorgestellt und diskutiert.

„Die Abschlussveranstaltung hat gezeigt, dass wir für einen erfolgreichen Schienengüterverkehr nicht nur Infrastruktur brauchen, sondern vor allem funktionierende Kooperationen und verlässliche Angebote. Wir müssen vorhandene Gütermengen intelligenter bündeln, regionale Akteure stärker vernetzen und auch neue Betreiber- und Logistikmodelle ausprobieren. Wenn Wirtschaft, Logistik und Infrastruktur gemeinsam an konkreten Lösungen arbeiten, können aus einzelnen Potenzialen tragfähige Verbindungen entstehen“, betont Philipp Wessiak, Vorstandsmitglied des VNL (Verein Netzwerk Logistik).
„Wir müssen weg vom Denken in Einzelmaßnahmen und hin zu einem gemeinsamen System. Nicht jede Herausforderung erfordert neue Infrastruktur. Oft liegt großes Potenzial darin, vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen, Gütermengen zu bündeln und die richtigen Akteure miteinander zu vernetzen. Unser Ziel ist es, daraus konkrete und wirtschaftlich tragfähige Lösungen für den gesamten Wirtschaftsraum zu entwickeln“, erklärt Petra Seebauer, Geschäftsführerin der LKZ Prien GmbH.
Marina Kuhn, Geschäftsführerin der EUREGIO via salina, erklärt: „Mit dem Projekt ‚Güter auf die Schiene‘ haben wir einen wichtigen Raum für Austausch und Zusammenarbeit geschaffen. Die Ergebnisse zeigen, dass unser Wirtschaftsraum über zahlreiche Potenziale verfügt, die wir gemeinsam erschließen können. Die Abschlussveranstaltung ist deshalb kein Endpunkt, sondern ein Ausgangspunkt: Jetzt gilt es, die geknüpften Kontakte zu nutzen, konkrete Ansätze weiterzuverfolgen und die Anliegen unserer Region gemeinsam gegenüber den zuständigen Stellen zu vertreten.“
Nicht nur die Infrastruktur ist das Problem
Das von der EUREGIO via salina im Rahmen des INTERREG-Programms Bayern–Österreich 2021–2027 geförderte Projekt baut auf den Erkenntnissen des Vorgängerprojekts „Außerfern-Allgäu-Link“ auf. Ziel ist es, die strukturellen Voraussetzungen für den Schienengüterverkehr im gemeinsamen Wirtschaftsraum zu verbessern, vorhandene Potenziale miteinander zu verknüpfen und die Anliegen der regionalen Wirtschaft gegenüber Politik, Verwaltung und Infrastrukturbetreibern sichtbarer zu machen.
Die Abschlussveranstaltung zeigte, dass es nicht grundsätzlich an Ideen und Lösungsansätzen fehlt. Entscheidend ist vielmehr, bestehende Angebote, Gütermengen, Infrastruktur und Akteure zu einem funktionierenden Gesamtsystem im länderübergreifenden Wirtschaftsraum zusammenzuführen.
Vom einzelnen Streckenabschnitt zum gemeinsamen Logistiksystem
Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Allgäu, Außerfern, Tirol und Vorarlberg reichen über Landes- und Verwaltungsgrenzen hinweg. Der Schienengüterverkehr muss deshalb ebenfalls grenzüberschreitend gedacht werden. In der Diskussion mit Peter Stöferle, Abteilungsleiter Infrastruktur und Mobilität bei der Industrie- und Handelskammer Schwaben, und Wolfgang Winkler, Bezirksstellenleiter der Bezirksstelle Reutte der Wirtschaftskammer Tirol, wurden sowohl die wirtschaftlichen Verbindungen der Regionen als auch die infrastrukturellen und betrieblichen Herausforderungen thematisiert.
Begrenzte Streckenkapazitäten, Nutzungskonflikte zwischen Personen- und Güterverkehr, fehlende regionale Zugangsmöglichkeiten und die schwierige Bündelung ausreichender Transportmengen erschweren vielerorts die Entwicklung von Schienenangeboten. Hinzu kommt die sogenannte Henne-Ei-Problematik: Ohne ausreichende Gütermengen entstehen nur schwer wirtschaftliche Angebote, während Unternehmen ohne verlässliche, planbare und passende Verbindungen kaum Transporte auf die Schiene verlagern können.
Bestehende Infrastruktur besser nutzen und neue Logistiklösungen entwickeln
Die Praxisbeispiele aus der Abschlussveranstaltung, moderiert von Florian Fürle, Projektleiter der LKZ Prien GmbH und verantwortlicher Leiter des EUREGIO via salina-Projekts, zeigten Möglichkeiten für mehr Schienengüterverkehr bei begrenzter Infrastruktur. Entscheidend sind Logistikkonzepte, die Bündelung ausreichender Gütermengen und die Zusammenarbeit zwischen verladenden Unternehmen, Eisenbahnverkehrsunternehmen und Logistikdienstleistern.
Beispiele wie das Zuladungskonzept der TIROLER STRASSE-SCHIENE-Umschlaggesellschaft (TSSU) in Hall in Tirol oder die TransFER-Konzepte der ÖBB Rail Cargo Group zeigen, wie vorhandene Potenziale erschlossen werden können. Regionale Anbieter binden Unternehmen über flexible Vor- und Nachlaufkonzepte sowie Lösungen für die erste und letzte Meile an überregionale Schienennetze an. Auch der Einsatz des E-Lkw als Ergänzung zur Schiene kann Teil einer wirtschaftlich tragfähigen Gesamtlösung sein.
Vom Erkenntnisgewinn zu konkreten Maßnahmen
Für den Wirtschaftsraum Allgäu, Außerfern, Tirol und Vorarlberg gilt es nun, bestehende Infrastrukturen und Anschlussbahnen stärker in den Blick zu nehmen, Kooperationen auszubauen und Umsetzungsmöglichkeiten zu prüfen. Ein Ansatzpunkt ist beispielsweise die mögliche Reaktivierung der Anschlussbahn Ursulasried in Kempten als regionaler Umschlagpunkt.
Voraussetzung für tragfähige Angebote sind ausreichende Transportmengen, Kooperationen zwischen regionalen Unternehmen, verlässliche und planbare Verbindungen sowie das notwendige Bahnlogistik-Know-how in Unternehmen und Ausbildung. Statt Straße und Schiene als Gegensätze zu betrachten, setzt das Projekt auf die Kombination der Verkehrsträger. Entscheidend ist, bestehende Potenziale gemeinsam zu erschließen, neue Lösungen in der Praxis zu erproben und daraus wirtschaftlich tragfähige Angebote für die Region zu entwickeln. Ziel ist eine wirtschaftlich und ökologisch sinnvolle Gestaltung der gesamten Lieferkette.
EUREGIO via salina: Zusammenarbeit über Grenzen hinweg fortsetzen
Die EUREGIO via salina hat das Projekt unterstützt, um die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu stärken und die Bedeutung des Wirtschaftsraums für den Güterverkehr sichtbarer zu machen. Die Abschlussveranstaltung unterstrich die Bedeutung des Austauschs zwischen Unternehmen, Logistikdienstleistern, Infrastrukturbetreibern, Verbänden und öffentlichen Stellen über Ländergrenzen hinweg.
Unterstützt wird das Projekt durch den Bayerischen Bauindustrieverband e. V., das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr sowie das Land Tirol. Gastgeber der Abschlussveranstaltung war die Geiger Gruppe in Herzmanns/Waltenhofen.
Ein Schienengüterverkehr, der die Anforderungen der Wirtschaft erfüllt, kann die Wettbewerbsfähigkeit regionaler Unternehmen unterstützen, Lieferketten widerstandsfähiger machen und zur Versorgungssicherheit beitragen. Die im Projekt entstandenen Netzwerke und Erkenntnisse bilden dafür eine Grundlage.




