Von Max Meran

Die Bundesregierung ist spät dran. Während die europäische Gebäuderichtlinie EPBD längst gilt und bis Ende Mai in nationales Recht umgesetzt werden musste, liegt in Deutschland bislang nur ein Kabinettsbeschluss vor. Bis das Gesetz in Kraft tritt und im Wortlaut klar ist, wird noch einige Zeit ins Land gehen.
Für die Branche darf es jetzt aber nicht heißen: aus den Augen, aus dem Sinn. Auch genervtes Abwinken wäre ein Fehler. Schon wieder eine neue Vorgabe, auf die Eigentümer sofort reagieren sollen? Doch genau darin liegt der Irrtum. Die EPBD ist kein weiterer regulatorischer Debattenbeitrag, den man bis zur endgültigen deutschen Umsetzung beiseitelegen kann. Sie wird zum handfesten wirtschaftlichen Schmerzpunkt für Bestandsimmobilien – und zwar nicht erst dann, wenn das Gesetz schwarz auf weiß im Bundesgesetzblatt steht.
Was die Richtlinie konkret bedeutet
Während der genaue Wortlaut noch offen ist, ist die Richtung klar: Es geht eben nicht nur um die viel diskutierten Heizungsthemen. Die eigentliche Wucht der Richtlinie liegt an anderer Stelle. Die EPBD sortiert den Nichtwohngebäudebestand nach energetischer Qualität. Bis 2030 müssen die 16 % energetisch schlechtesten Gebäude verbessert werden, bis 2033 bereits die schlechtesten 26 %. Hinzu kommt eine Pflicht zur Installation von Photovoltaik und Ladesäulen auch im Bestand. Für Datenerhebung, Budgetierung, Planung, Ausschreibung und Umsetzung ist 2030 keine ferne Zukunft, sondern quasi morgen.
Die Branche hat Margen jahrelang liegen gelassen
Es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten. Die Immobilienbranche hat über Jahrzehnte regionalen Energieversorgern den Vortritt gelassen, wenn es darum ging, die an einer Nutzungseinheit anliegenden Geldströme abzuschöpfen. Ob Kabelanschluss, Wärme oder Strom: Diese Einnahmen hat der Eigentümer oder Asset Manager bereitwillig weitergegeben, statt die Marge selbst einzustreichen. Das war bequem – und teuer.
Die Energie- und Wärmewende verändert diese Logik grundlegend. Der fortschreitende Umbau der deutschen Netze – weg von zentraler, hin zu dezentraler Versorgung – eröffnet Eigentümern nun neue Möglichkeiten: aus Nebenkosten Bewertungs-relevante Mehreinnahmen zu schaffen. Wer heute in dezentrale Strom- und Wärmeversorgung investiert, konkurriert nicht mehr mit dem Versorger – er wird selbst zu einem.
Noch reagiert die Branche träge auf diese Opportunität. Bestandsbewirtschaftung ist mühsam und bringt weniger Glorie als das finanzierungskostengetriebene Deal-Geschäft. Nun aber zwingt die EPBD Asset Manager zum Handeln – und wer klug ist, nutzt den Pflichttermin, um gleichzeitig das wirtschaftliche Potenzial zu heben.
Dämmung ist nicht der Hebel – dezentrale Energie schon
Ein häufiger Reflex: energetische Ertüchtigung wird mit Dämmung gleichgesetzt. Das kann im Einzelfall richtig sein, ist aber bei vielen Hallen – insbesondere im Logistiksegment – nicht der entscheidende Hebel. Dämmmaßnahmen rechnen sich typischerweise nicht. Was sich rechnet, ist der Umstieg auf dezentrale Wärme- und Stromversorgung.
Kombinierte Systeme aus Photovoltaik, Batteriespeicher und Mieterstromkonzepten erzielen bei sorgfältiger Strukturierung Renditen von 10–15 % IRR – ein Return, den man im aktuellen Immobilienmarkt nur schwer findet. Photovoltaikanlagen auf bislang ungenutzten Dachflächen schaffen nicht nur die Grundlage, um künftige regulatorische Anforderungen wie die EPBD zu erfüllen, sondern erschließen zugleich neue Ertragspotenziale. Batteriespeicher erhöhen den Eigenverbrauch und entlasten die Netzinfrastruktur. Mieterstrommodelle ermöglichen es, bislang reine Nebenkostenpositionen teilweise in zusätzliche Erlöse zu überführen. Hinzu kommt Ladeinfrastruktur, die mit der Elektrifizierung von Fuhrparks und steigenden Anforderungen von Mietern zunehmend zur Grundausstattung moderner Gewerbestandorte wird.
Wer diese Infrastruktur in den Bestand integriert, senkt nicht nur Emissionen. Er reduziert Betriebskosten, schafft Datentransparenz, erleichtert Finanzierungsgespräche und stärkt die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Contracting-Modelle ermöglichen dabei, neue Energieinfrastruktur zu realisieren, ohne sämtliche Investitionen unmittelbar aus dem eigenen Budget finanzieren zu müssen.
Das Mittelfeld ist das eigentliche Problem
Das eigentliche Risiko endet nicht bei den schlechtesten Immobilien. Auch im breiten energetischen Mittelfeld lauern Gefahren: bei Objekten, die heute noch nicht akut durchfallen, bei Betriebskosten, technischer Ausstattung, CO₂-Belastung und Finanzierbarkeit aber bereits erkennbar zurückliegen. Genau dort wird aus Regulierung ein Asset-Management-Thema. Wer sein Gebäude im Mittelfeld sieht und beruhigt die nächsten Jahre abwartet, kann bereits jetzt uneinholbar ins Hintertreffen geraten.
Hinzu kommen Immobilien, die vor zehn Jahren als nachhaltig galten, heute aber schon wieder deutlich hinter den Anforderungen zurückfallen. Energiepreise, CO₂-Kosten, Nutzeranforderungen, Finanzierungskriterien und regulatorische Erwartungen haben sich in kurzer Zeit verschoben. Was gestern als zukunftsfähig galt, kann morgen bereits Mittelmaß sein.
Ohne Daten kein Urteil
Eigentümer müssen heute wissen, wo ihre größten Energieverbräuche liegen, wie belastbar ihre Daten sind, wie zukunftsfähig Wärmeversorgung, Dachflächen, Netzanschluss und Ladeinfrastruktur wirklich sind – und welche Investitionen priorisiert werden müssen. Wer diese Transparenz nicht hat, kann weder regulatorische Risiken noch wirtschaftliche Chancen bewerten. Und wer ohne Daten zu bauen und zu dämmen beginnt, investiert möglicherweise am eigentlichen Problem vorbei.
Eigennutzer: stille Reserve wird zur Belastung
Für Eigennutzer stellt sich die Frage nicht als Vermietbarkeit, sondern als Standort- und Prozesssicherheit. Wenn ein Gebäude energetisch zurückfällt, hat das Auswirkungen auf Betriebskosten, ESG-Reporting, Kundenanforderungen, Finanzierung und Investitionsplanung. Auch ein späterer Verkaufsfall wird zum Realitätscheck. Käufer, Banken und technische Due-Diligence-Prüfer bewerten zunehmend auch CO₂-Profil, Wärmeversorgung, Dachflächen, Netzanschluss und künftige Investitionsbedarfe.
Was lange als stille Reserve oder solide Standortbasis galt, kann sich in ein Asset verwandeln, das Kapital bindet, Investitionen erzwingt und strategische Beweglichkeit einschränkt. Wer erst reagiert, wenn ein Verkauf, eine Refinanzierung oder eine größere Flottenumstellung ansteht, hat wenig Spielraum.
Fazit: Jede Halle braucht einen Plan
Selbst wenn ESG gerade in der Branche eher auf müde Reaktionen stößt, bleiben die ökonomischen Zusammenhänge dieselben. Energetisch schwache Gebäude verursachen höhere Betriebskosten, erschweren Gespräche mit Banken, belasten Exit-Szenarien und verlieren an Marktgängigkeit.
Eigentümer, die die Energieinfrastruktur ihrer Gebäude aktiv steuern, geben Margen nicht länger an externe Versorger ab – sie holen sie ins Objekt zurück. Die EPBD zwingt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Bestand. Wer das nur als Pflichtübung versteht, verpasst den eigentlichen Hebel: Renditen von 10–15 % IRR, die im aktuellen Marktumfeld kaum anderswo zu finden sind.
Nicht jede Halle braucht sofort die maximale Lösung. Aber jede Halle braucht einen klaren Plan.Der entscheidende Faktor ist die Lieferkette für Düngemittel. El Niño verringert die Niederschläge und verstärkt den Hitzestress in den produktivsten Getreideanbaugebieten der Welt. Stickstoffdünger ist das wichtigste Mittel, mit dem Landwirte versuchen, diese Belastungen auszugleichen. Beide Faktoren wirken nicht linear zusammen: Ein Feld, das in einem Dürrejahr nur 80 Prozent der üblichen Stickstoffmenge erhält, erzielt nicht 80 Prozent des normalen Ertrags. Es können auch nur 50 Prozent sein. Die Schließung der Straße von Hormus hat diese Lieferkette an ihrer Quelle unterbrochen. Auf den Persischen Golf entfallen 34 bis 50 Prozent der weltweiten seegestützten Harnstoffexporte, und die Harnstoffpreise sind in einigen Märkten bereits um 50 Prozent oder mehr gestiegen. Landwirte in Südasien, der Sahelzone und Südostasien kalkulieren derzeit, wie wenig Dünger sie ausbringen können, ohne die Wirtschaftlichkeit ihrer Ernte zu gefährden. Die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, bestimmen bereits die Nahrungsmittelversorgung für Ende 2026 und das Jahr 2027.
Der Multiplikatoreffekt reicht weit über die Landwirtschaft hinaus. Der Panamakanal ist auf Niederschläge angewiesen, die El Niño in Mittelamerika verringert. Während des Ereignisses von 2023/24 sank die Zahl der täglichen Durchfahrten von 36 auf 24 Schiffe. Der Kanal steht bereits unter zusätzlichem Druck durch Umleitungen infolge der Hormus-Krise. Dasselbe Klimaereignis, das die Ernten reduziert, belastet zugleich die Transportinfrastruktur, die für deren Umverteilung benötigt wird. Viele der Regionen, die von El Niño besonders stark betroffen sind, liefern zudem die kritischen Rohstoffe, auf denen Elektrifizierung und digitale Infrastruktur beruhen. Diese Lieferketten reichen wesentlich tiefer in die Zuliefernetzwerke hinein, als die meisten Beschaffungsabteilungen überblicken können, und El Niño wird sie gleichzeitig unter Druck setzen.
Für europäische Chemieunternehmen verschärft sich die Situation zunehmend. Düngemittel machten 2024 rund 11 Prozent des physischen Volumens der vom Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) erfassten EU-Importe aus, jedoch nur 5 Prozent ihres Wertes. Da El Niño die Preise für Vorleistungen in die Höhe treibt, müssen europäische Hersteller diese Kostensteigerungen mit einer Kostenstruktur auffangen, mit der ihre Wettbewerber in Asien und dem Nahen Osten nicht konfrontiert sind. Die Investitionen im EU-Chemiesektor gingen 2025 um mehr als 80 Prozent zurück. Ein geschwächter Sektor kann einen klimabedingten Kostenschock bei Vorleistungen nicht in derselben Weise absorbieren wie ein gut kapitalstarker Sekltor.
Das Zeitfenster zum Handeln schließt sich. Unternehmen mit Abhängigkeiten von Nahrungsmitteln, landwirtschaftlichen Vorprodukten und Logistik sollten als Basisszenario einen Rückgang der Getreideproduktion in Australien und Südostasien um 15 bis 25 Prozent modellieren, Lagerbestände aufbauen bevor die Preise die bereits eingetretenen Entwicklungen widerspiegeln und Frachtraum auf alternativen Routen sichern, bevor Einschränkungen an den Kanälen dies erzwingen. Hersteller in Südostasien und Mittelamerika sollten bereits jetzt die Verfügbarkeit von Strom in ihre Planungen einbeziehen: Durch El Niño verursachte Dürren verringern die Wasserkrafterzeugung und werden sich in Form von Produktionsunterbrechungen bemerkbar machen, wenn entsprechende Vorsorge fehlt. Versicherer, Kreditgeber und Investoren sollten die Widerstandsfähigkeit ihrer Geschäftspartner einem Stresstest unterziehen. Die derzeit verwendeten Modelle wurden entwickelt, bevor sich dieses El-Niño-Ereignis verfestigte und bevor die Schließung der Straße von Hormus den Düngemittelpuffer beseitigte. Sie sind veraltet.
All dem liegt ein Problem mangelnder Transparenz zugrunde. Die Schließung der Straße von Hormus hat gezeigt, wie schnell sich eine lokale Störung ausbreiten kann. El Niño legt dieselbe Schwachstelle in weit größerem Maßstab offen. Die Unternehmen, die die künftigen Entwicklungen am besten bewältigen werden, sind jene, die wissen, woher ihre kritischen Rohstoffe stammen und an welchen Stellen sich Risiken über zwei oder drei Zulieferstufen hinweg konzentrieren. El Niño ist kein Fall höherer Gewalt. Es handelt sich um ein vorhersehbares Ereignis mit bekannter geografischer Ausprägung und bekanntem zeitlichen Verlauf. Die entscheidende Frage lautet, ob Unternehmen so aufgestellt sind, dass sie die Auswirkungen absorbieren können, oder ob sie erst im Jahr 2027 feststellen werden, dass sie dazu nicht in der Lage waren.
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