Von Scott Lehmann, GVP bei Sphera

El Niño-Ereignisse treten alle zwei bis sieben Jahre auf, doch 2026 unterscheidet sich von früheren Zyklen. Frühere Ereignisse trafen auf ein globales Handelssystem mit funktionierenden Selbstkorrekturmechanismen: Die Düngemittelversorgung war gesichert, die Seerouten waren offen und es bestanden ausreichende Pufferkapazitäten, um Nahrungsmittel aus Überschussregionen in Defizitregionen zu verlagern. Keine dieser Voraussetzungen ist heute gegeben.
Der entscheidende Faktor ist die Lieferkette für Düngemittel. El Niño verringert die Niederschläge und verstärkt den Hitzestress in den produktivsten Getreideanbaugebieten der Welt. Stickstoffdünger ist das wichtigste Mittel, mit dem Landwirte versuchen, diese Belastungen auszugleichen. Beide Faktoren wirken nicht linear zusammen: Ein Feld, das in einem Dürrejahr nur 80 Prozent der üblichen Stickstoffmenge erhält, erzielt nicht 80 Prozent des normalen Ertrags. Es können auch nur 50 Prozent sein. Die Schließung der Straße von Hormus hat diese Lieferkette an ihrer Quelle unterbrochen. Auf den Persischen Golf entfallen 34 bis 50 Prozent der weltweiten seegestützten Harnstoffexporte, und die Harnstoffpreise sind in einigen Märkten bereits um 50 Prozent oder mehr gestiegen. Landwirte in Südasien, der Sahelzone und Südostasien kalkulieren derzeit, wie wenig Dünger sie ausbringen können, ohne die Wirtschaftlichkeit ihrer Ernte zu gefährden. Die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, bestimmen bereits die Nahrungsmittelversorgung für Ende 2026 und das Jahr 2027.
Der Multiplikatoreffekt reicht weit über die Landwirtschaft hinaus. Der Panamakanal ist auf Niederschläge angewiesen, die El Niño in Mittelamerika verringert. Während des Ereignisses von 2023/24 sank die Zahl der täglichen Durchfahrten von 36 auf 24 Schiffe. Der Kanal steht bereits unter zusätzlichem Druck durch Umleitungen infolge der Hormus-Krise. Dasselbe Klimaereignis, das die Ernten reduziert, belastet zugleich die Transportinfrastruktur, die für deren Umverteilung benötigt wird. Viele der Regionen, die von El Niño besonders stark betroffen sind, liefern zudem die kritischen Rohstoffe, auf denen Elektrifizierung und digitale Infrastruktur beruhen. Diese Lieferketten reichen wesentlich tiefer in die Zuliefernetzwerke hinein, als die meisten Beschaffungsabteilungen überblicken können, und El Niño wird sie gleichzeitig unter Druck setzen.
Für europäische Chemieunternehmen verschärft sich die Situation zunehmend. Düngemittel machten 2024 rund 11 Prozent des physischen Volumens der vom Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) erfassten EU-Importe aus, jedoch nur 5 Prozent ihres Wertes. Da El Niño die Preise für Vorleistungen in die Höhe treibt, müssen europäische Hersteller diese Kostensteigerungen mit einer Kostenstruktur auffangen, mit der ihre Wettbewerber in Asien und dem Nahen Osten nicht konfrontiert sind. Die Investitionen im EU-Chemiesektor gingen 2025 um mehr als 80 Prozent zurück. Ein geschwächter Sektor kann einen klimabedingten Kostenschock bei Vorleistungen nicht in derselben Weise absorbieren wie ein gut kapitalstarker Sekltor.
Das Zeitfenster zum Handeln schließt sich. Unternehmen mit Abhängigkeiten von Nahrungsmitteln, landwirtschaftlichen Vorprodukten und Logistik sollten als Basisszenario einen Rückgang der Getreideproduktion in Australien und Südostasien um 15 bis 25 Prozent modellieren, Lagerbestände aufbauen bevor die Preise die bereits eingetretenen Entwicklungen widerspiegeln und Frachtraum auf alternativen Routen sichern, bevor Einschränkungen an den Kanälen dies erzwingen. Hersteller in Südostasien und Mittelamerika sollten bereits jetzt die Verfügbarkeit von Strom in ihre Planungen einbeziehen: Durch El Niño verursachte Dürren verringern die Wasserkrafterzeugung und werden sich in Form von Produktionsunterbrechungen bemerkbar machen, wenn entsprechende Vorsorge fehlt. Versicherer, Kreditgeber und Investoren sollten die Widerstandsfähigkeit ihrer Geschäftspartner einem Stresstest unterziehen. Die derzeit verwendeten Modelle wurden entwickelt, bevor sich dieses El-Niño-Ereignis verfestigte und bevor die Schließung der Straße von Hormus den Düngemittelpuffer beseitigte. Sie sind veraltet.
All dem liegt ein Problem mangelnder Transparenz zugrunde. Die Schließung der Straße von Hormus hat gezeigt, wie schnell sich eine lokale Störung ausbreiten kann. El Niño legt dieselbe Schwachstelle in weit größerem Maßstab offen. Die Unternehmen, die die künftigen Entwicklungen am besten bewältigen werden, sind jene, die wissen, woher ihre kritischen Rohstoffe stammen und an welchen Stellen sich Risiken über zwei oder drei Zulieferstufen hinweg konzentrieren. El Niño ist kein Fall höherer Gewalt. Es handelt sich um ein vorhersehbares Ereignis mit bekannter geografischer Ausprägung und bekanntem zeitlichen Verlauf. Die entscheidende Frage lautet, ob Unternehmen so aufgestellt sind, dass sie die Auswirkungen absorbieren können, oder ob sie erst im Jahr 2027 feststellen werden, dass sie dazu nicht in der Lage waren.
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