- ANZEIGE -
StartImmobilienWissen als Glücksfall oder das Imperium der Ahnungslosen

Wissen als Glücksfall oder das Imperium der Ahnungslosen

Von Professor Dr. Michael Schröder

Kennen Sie die kurzen Videos, die Reels, mit denen wir auf Facebook (für die Alten wie mich) oder auf Insta (für die coolen Jungen, also ohne mich), genervt werden? Reels, wo in Fußgängerzonen unser Nachwuchs zwischen 16 und 18 Jahren von einem smarten Influencer interviewt wird? Die Fragen lauten immer so: „Wie heißt die Hauptstadt von Deutschland?“. Antwort: „Bremen“. Oder: „Wie viele Einwohner hat Deutschland?“. Antwort: „80.000“, manchmal aber auch: „Vier Milliarden“. Bei Stefan Raab – lang ist’s her – wurde mal ein junger Mann gefragt, wer der letzte Staatsratsvorsitzender der „DDR“ war. Antwort: „Adolf Hitler“.

Sie denken, das ist alles gestellt? Ich befürchte, nicht; ich bin mir ziemlich sicher, das ist alles echt – zumindest das meiste. Warum ich mich aufrege und das sogar hier niederschreibe? Na ja, meine Sorge ist nicht, dass diese (noch) ungebildeten jungen Menschen irgendwann einmal in der Politik landen (obwohl, wer weiß?), sondern dass diese irgendwann wählen gehen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir haben ein demokratisches Wahlrecht, jeder hat eine Stimme, so soll es auch sein. Und Unterschiede in der Allgemeinbildung gab es übrigens schon immer. Das Dumme ist nur, dass solche hirnlosen Antworten ja ein Indikator dafür sind, die Zusammenhänge der ohnehin schon komplexen Welt nicht im Ansatz zu verstehen und dann hirnlose Entscheidungen zu treffen, weil andere Hirnlose ihnen etwas eingeredet haben.

Wie sollen diese Menschen mitentscheiden bei politischen Themen? Bei den Themen Wirtschaft, Krieg und Frieden, Bildung, Rente, Steuer etc. etc. Übrigens auch beim Thema Standortansiedlungen! Wenn man null Ahnung hat – und diese Leute haben null Ahnung – wird es kritisch.

Das Dramatische daran: Diese jungen Menschen stellen die erste Generation dar, die 24/7 alle Informationen dieser Welt abrufen können – und das auch machen. Oder kennen Sie 17-Jährige, die nicht den ganzen Tag am Smartphone hängen? Eben. Aber fragen Sie mal nach, was da für Dinge konsumiert werden. Da war es wieder, das Adjektiv hirnlos. Sie kennen die Inhalte auf Tik Tok aber ohnehin, wenn Sie Kinder haben.

Mit ein wenig gutem Willen könnte man ja tatsächlich annehmen, dass hier die schlaueste – im Sinne von: am besten informierte – Generation heranwächst. Denn die Kosten der Informationsgewinnung sind letztlich null: Frage in Google und Co. eintippen – fertig. Herleitung des Satz‘ des Pythagoras? Eines der zwei Dutzend Tutorials auf YouTube anschauen – fertig. Seite 15 von De bello Gallico übersetzen? Das Foto der Seite in Chatti hochladen – fertig. 24/7, ohne Anmeldung, ohne Papa, ohne Bücher.

Ich habe letztes Jahr eine Bachelorarbeit betreut, in der es darum geht, einen Lieferanten in Asien durch einen in Europa zu ersetzen. Die Begründung seitens des Unternehmens war, man wolle aus Nachhaltigkeitsgründen Transporte aus Fernost vermeiden. Auf meine Frage hin, ob er – der interne Betreuer und Vorgesetzte des Studis – denn wisse, wie viel CO2 alle (!) Schiffe der Welt – vom Flugzeugträger, über Container- und Kreuzfahrtschiffe bis hin zum Sportboot – denn prozentual am globalen CO2-Ausstoß ausmachen, antworte dieser: „40 Prozent“. Das ist nicht nur knapp daneben, das ist abenteuerlich falsch, wenn man kurz rechts ranfährt, nachdenkt, überschlägt und andere Sektoren, insbesondere Industrie oder Haushalte, miteinbezieht. Das International Council on Clean Transportation (ICCT), um einen der zahlreichen international anerkannten Herausgeber wegweisender Studien zu nennen, beziffert den Anteil der Schifffahrt an den weltweiten menschengemachten CO2-Emissionen zwischen 2016 und 2023 stabil bei etwa 1,7 bis drei Prozent je nach Berechnungsbasis.

Wenn man das nun weiß und die Zahlen einordnen kann, ist eine Verlagerung eines Lieferanten von beispielsweise Vietnam nach Ungarn einfach nur absurd – zumindest aus Nachhaltigkeitsgründen im Transport. Zwei 40-Fuß-Container im Jahr auf jeweils einem Containerschiff mit zwischen 7000 und 12.000 Boxen an Bord – das entspricht 14.000 respektive 24.000 TEU – sind ein Witz, die Auswirkungen auf CO2 sind null, nada, zero.

Aber selbst, wenn: Welche Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Erfolg hätte denn eine angenommene CO2-Senkung? Würde ich mehr Produkte verkaufen, weil die Kundschaft das positiv sanktionieren würde? Wenn Sie das belegen können, beispielsweise durch belastbare Kundenumfragen, dann prima. Bei besagter Bachelorarbeit war das jedoch nicht der Fall: Ob Kunden das überhaupt registrieren würden, wurde nie überprüft.

Selbstverständlich, das ist unstrittig, können Qualitätsgründe, Arbeitsschutzregularien oder auch kurze Reaktionszeiten in der Produktion durchaus für eine Verlagerung nach Europa sprechen – aber nicht der Weltrettung wegen.

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Als Prof. hat man leicht reden, der hat ja Zeit für so was. Na ja, ich muss als Prof. aber auch keine Entscheidungen treffen, die meinem Betrieb schaden oder gar gefährden. Sollte man nicht erst recht in verantwortlicher Position im Management Zahlen und Zusammenhänge kennen?

Erwiesenermaßen ist der Mensch leider nicht für Zahlen gemacht, zumindest nicht für alle. Es gibt spannende Studien zur Entscheidungstheorie, in denen nachgewiesen wird, wie und warum der Mensch aufgrund systematischer mathematischer Fehler zu falschen Entscheidungen kommt; man spricht von normativen Verzerrungen. Ich will Sie hier aber nicht langweilen, kommen Sie gerne in mein Mastermodul Rationales Entscheiden – Urteilsbildung und Entscheidungsfindung; da quäle ich Sie mit Entscheidungsregeln.

Lassen Sie uns zurückkommen zur normalen Ahnungslosigkeit. Wenn junge Menschen nicht wissen, ob Dänemark am Mittelmeer liegt oder nicht – sei’s drum. Wenn aber „Spitzenpolitiker“ bei Lanz & Co. sitzen und nicht wissen, wie hoch die Ausgaben für Migranten sind oder wie hoch die durchschnittliche Rente ist, dann muss man sich Sorgen machen. Die müssen das wissen! Das ist deren Pflicht. Kennen Sie noch Martin Bangemann, Bundeswirtschaftsminister (FDP) 1984 bis 1988? Der wusste einst nicht, wie teuer ein Ei im Supermarkt ist (auch das war eine Talkshow, ich war damals live dabei). Die Antwort ist eigentlich ein Skandal.

Wen Sie eher nicht kennen dürften, das ist die frühere Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg, MdL Elke Zimmer (Grüne), 2021 bis 2026 im Amt. Diese hat sich über Jahre insbesondere für einen Ausbau der Neckarschleusen stark gemacht (was gottlob nicht passieren wird, ist aber ein anderes Thema). Als ich Ende April im Rosengarten Mannheim das 2. Hafenforum moderiert habe, habe ich ins Publikum gefragt, ob denn jemand wisse, wie viele Neckarschleusen es denn gebe. Frau Zimmer hat sich wohl angesprochen gefühlt und meinte, 17. Es sind aber tatsächlich 27. Damit hat sie um erstaunliche 37 Prozent (10 von 27) danebengelegen – eine Staatssekretärin für Verkehr, die den ganzen Tag nichts anderes machen sollte.

Wie es der Titel leider andeutet: Ich habe keine Lösung – aber einen Tipp: Fragen Sie immer, was eine Person für eine Expertise vorweisen kann, bevor Sie die Person wählen oder einsetzen. Auch Imperien gehen unter, es dauert nur länger. Und übrigens: Sie müssen ja nicht jeden Reel anschauen.

Bild: Prof. Dr. Michael Schröder

Autor Prof. Dr. Michael Schröder lehrt seit 2009 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mannheim und ist Wissenschaftlicher Leiter des dualen Masterprogramms „Supply Chain Management, Logistics, Production“. Als Autor, Referent und Moderator beleuchtet er immer wieder aktuelle Veränderungen entlang der Wertschöpfungskette und stellt sich insbesondere der den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdenden Kritik an betrieblichen Standortentscheidungen.

LogReal.Direkt Pur
- ANZEIGE -

Aktuelle News