Von Sven Gerst
Warum halten sich politische Systeme, deren Verfall eigentlich längst unabwendbar scheint? Wie konnten sich etwa die Sowjetunion und die DDR so lange behaupten, obwohl sie in den Köpfen ihrer Bürger bereits gescheitert waren? Der Ökonom Timur Kuran hat darauf eine clevere Antwort: die öffentliche Falsifizierung der eigenen Präferenzen. Oder in den Worten seines bekanntesten Werks: Private Truths, Public Lies. In den Köpfen der Menschen war der Kommunismus längst gescheitert, bevor irgendjemand auf die Straße ging. Öffentlich aber blieb das Potemkinsche Dorf einer besseren Welt intakt, weil jeder glaubte, die anderen glaubten noch daran. Was Kuran also damit beschreibt, ist nichts anderes als die politökonomische Tiefenstruktur von Hans Christian Andersens bekanntem Märchen: Niemand spricht laut aus, dass der Kaiser nackt ist, weil jeder denkt, die anderen sähen noch das Gewand. Bis ein Kind die Wahrheit ausspricht, laut und für alle hörbar. Dann kippt die Kaskade, schlagartig und unwiderruflich. Gradually, then suddenly, wie man im Englischen so schön sagt. Genau wie 1989.
Was viele dabei übersehen: Es genügt nicht, die Wahrheit zu benennen. Entscheidend ist das Timing. Wer sich zu früh aus der Deckung wagt, wird auf immer und ewig als Crashprophet und Pessimist abgetan. Wer hingegen zu spät auf den fahrenden Zug springt, dem bleibt nur die Nebendarstellerrolle des Opportunisten. Im Deutschland des Jahres 2026 scheint aber jetzt genau jener Moment gekommen, in dem genügend Menschen die Wahrheit längst sehen, sie aber von noch zu wenigen tatsächlich ausgesprochen wird. Das bedeutet in anderen Worten: Die Zeit für einen Umschwung ist da.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich das Angebot angenommen habe, als Philosoph für ein privatwirtschaftliches Branchenmagazin zu schreiben. Normalerweise hätte ich mich gefragt, was jemand aus dem Elfenbeinturm einem solchen Publikum schon Nennenswertes erzählen könnte. Doch genau jetzt bedarf es eines solchen Weckrufs. Und genau hier will ich ansetzen.
Die Story vom Niedergang ist kein Tabubruch
Wenn ich von dieser esoterisch anmutenden, vermeintlich verborgenen Wahrheit spreche, meine ich natürlich nicht die naheliegende Antwort—nämlich, dass es mit Deutschland, seiner Wirtschaft und seiner politischen Stellung in der Welt den Bach hinuntergeht. Das ist längst keine Lebenslüge oder Neuigkeit mehr; es ist breiter gesellschaftlicher Konsens. Nach sechs Jahren wirtschaftlicher Stagnation, schleichender Deindustrialisierung und der Abwanderung von Kapital und Talent sowie angesichts einer geopolitischen Wirklichkeit, in der wir zum Spielball der Großmächte verkommen sind, ist diese Diagnose längst in den Köpfen angekommen. Und an Mahnern und Miesepetern mangelt es uns wahrlich auch nicht. Wer heute den Niedergang Deutschlands nachzeichnet, begeht doch längst keinen Tabubruch mehr. Er spricht lediglich das aus, was wir ohnehin alle wissen.
Die eigentliche Lüge sitzt tiefer. Und eigentlich wissen wir das alle: Wir sind Teil des Problems. Wir sind alle nackt. Damit meine ich ausdrücklich auch uns: Unternehmer, Mittelständler, also die bürgerliche Mitte. Es ist eben nicht ausschließlich “die Politik”, die Schuld ist. Der Abstieg Deutschlands wurde nicht gegen das Bürgertum, die Wirtschaftsverbände, den Handwerker oder die Unternehmer durchgesetzt. Er wurde mit ihnen vollzogen.
Genau deshalb hat Ulf Poschardt mit seinen Büchern Shitbürgertum und Bückbürgertum einen solchen Nerv der Zeit getroffen: weil er der Mutige war, der endlich aussprach, was ausgesprochen werden musste. Nämlich, dass sich die Leistungsträger dieses Landes (und so viel Ehre muss dann doch sein!) jahrelang konfliktscheu weggeduckt, ihre Frustration im Privaten entsorgt und sich damit selbst entmachtet haben.
Debatten als Performance Art
Das Problem an Poschardt ist jedoch die Lösungslosigkeit seiner Diagnose. Denn die führt uns in eine doppelte Falle. Entweder verführt sie uns zur performativen Hyperpolitik im Sinne Anton Jägers: affektive Polarisierung ohne strukturellen Wandel. Der Kulturkampf wird dort zum Konsumgut und als Content auf Social Media und Co. so lange ausgeschlachtet, bis keine politische Wirkung mehr entfaltet werden kann. Die Debatten ziehen als ephemere, sich ständig verflüchtigende Performance Art an uns vorbei. Nur ändert sich nichts. Oder sie macht uns zu Kumpanen der Crashpropheten und Populisten — die beide aus dem Abstieg Deutschlands politisches Kapital schlagen und deshalb an seiner Umkehr gar kein Interesse haben. Auch mit ihnen ist die Sklerose im Staate Deutschland nicht aufzulösen. Statt den Verwaltungsstaat abzubauen, wollen sie ihn lediglich nach ihren Vorstellungen umbauen. Wer daran zweifelt, werfe einen Blick nach Budapest: Viktor Orbán hat Ungarn nicht in einen schlanken Staat verwandelt. Er hat lediglich die Empfänger ausgetauscht und sich nebenbei ein eigenes Biotop steuergeldalimentierter Hofintellektueller herangezüchtet.
Vor beiden Varianten kann nur gewarnt werden. Die eine ersetzt Politik durch Performance, die andere den alten Verwaltungsstaat durch einen neuen Beutestaat. Keines von beiden wird uns helfen. Beide würden stattdessen die aktuelle Krise nur noch weiter vertiefen.
Stattdessen will ich Poschardts ungeschriebenem dritten Buch vorgreifen. Er nennt es Fightbürgertum. In Anlehnung an meine Theorie des Dark Liberalism würde ich von Dark Leistungsträgern sprechen. Das Projekt ist dasselbe: die Befreiung der tragenden Mitte aus ihren selbst auferlegten Ketten.
Das Dunkle daran ist Programm. Es bezeichnet keine Lust am Untergang, sondern einen unmoralisierenden Realismus gegenüber der Politik – und uns selbst –, der uns in der Hypermoralität der letzten Jahrzehnte abhandengekommen ist.
Tragik und Unvernunft
Wie beim Liberalismus selbst vollzieht sich auch dieser dunkle Sinneswandel in fünf Schritten. Am Anfang stehen Zäsur und Bruch. Die Verantwortung darf nicht länger ausschließlich bei „der Politik“ gesucht werden. Man muss selbst mit den eigenen Lebenslügen und Besitzständen brechen. Doch Selbstkritik allein genügt nicht. Dem Bruch muss ein Anspruch auf Macht und Metapolitik folgen. Fridays for Future hat die Straße erobert; die Neue Rechte sich ein eigenes Medienökosystem geschaffen und Heidi Reichinnek ganz frech einfach mal so TikTok übernommen. Die leistende Mitte hingegen findet überall dort nicht statt, nicht auf der Straße dieser Republik, nicht im ÖRR oder auf Social Media – und schon gar nicht am Kabinettstisch oder in der staatlich finanzierten Zivilgesellschaft. Daran ändern auch unsere weißweintrinkende Verbands- und Lobbyfunktionäre wenig. Eine Wahrheit, die sich keine Institutionen baut, bleibt (ganz im Sinne Timur Kurans) eine private Wahrheit. Wer sie politisch wirksam machen will, muss sich organisieren. Und dazu gehört auch die Verortung von Freund und Feind. Nicht alle wollen Veränderung. Manche leben sogar ganz hervorragend vom Stillstand. Diese Gegner müssen benannt und politisch (!) bekämpft werden. Es braucht eine Repolitisierung der leistenden Mitte und ihres gesamten Milieus. Das bedeutet jedoch nicht, selbst zum Populisten zu werden. Tragik und Unvernunft heißt vielmehr, Zorn, Stolz und Trotz nicht länger den Populisten zu überlassen, sondern ihnen eine produktive Richtung zu geben. Und Mythos und Ästhetik heißt schließlich anzuerkennen, dass Leistung heute selbst Gegenkultur ist. Da darf man auch mal ganz unspießig und unbürgerlich provokant und zuspitzend auftreten. Man darf nur nicht zum bloßen Wutbürger werden.
Das ist der Unterschied zwischen Rebellion und Ressentiment.
Das Vorbild ist deshalb weniger Poschardt als Javier Milei. Milei hat ¡Afuera! zum Regierungsprinzip erhoben und mit dem peronistischen Versprechen gebrochen, die Menschen müssten sich nicht verändern, sondern lediglich besser regiert werden. Vor allem aber ersparte er auch den eigenen Wählern keine Zumutungen: No hay plata. Es gibt kein Geld. Keine Subventionen. Keine Ausreden mehr.
Kein Populist wird uns erlösen
Deutschland scheitert schließlich nicht daran, dass wir die notwendigen Reformen nicht kennen: die Auflösung unserer verwaltungsstaatlichen Vetokratie, Kapitaldeckung in der Rente, eine längere Lebensarbeitszeit, qualifizierte Zuwanderung, neue Wohnungen, eine neue Energiepolitik und KI-Akzelerationismus. All das ist bekannt. Es fehlt weder an Erkenntnis noch an Wissen. Vielleicht fehlt es uns noch nicht einmal am Willen. Es fehlt am Glauben daran, dass daraus mehr werden kann als ein träumerisches Luftschloss für die nächste liberale Sonntagsrede.
Genau darin liegt unsere letzte Lebenslüge. Jeder weiß, was geschehen müsste. Aber wir glauben selbst nicht mehr daran, dass wir den Kampf darum gewinnen können. Die eigentliche Wahrheit lautet deshalb nicht, dass Deutschland absteigt. Sie lautet, dass wir diesen Abstieg selbst mitvollziehen und uns anschließend einem zynischen Fatalismus hingeben.
Kein Poschardt und kein Populist wird uns daraus erlösen. Die tragende Mitte muss sich selbst politisieren. Dafür muss sie ihre dunkle Seite entdecken – allerdings keine, die sich der puren Lust am Untergang hingibt. Die Dark Leistungsträger, die es jetzt braucht, ziehen stattdessen Mut und Energie aus Konflikt, Konfrontation und dem Streben nach Macht.
Ganz im Sinne Nietzsches haben wir dann doch zu lange zu den Ungeheuern im Abgrund geblickt.
Willkommen auf der dunklen Seite!

Sven Gerst ist Philosoph mit einem interdisziplinären Hintergrund in Philosophie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre. Er verfügt über Hochschulabschlüsse des King’s College London, der London School of Economics and Political Science (LSE) sowie der Universität Mannheim und war zuvor an der Harvard University, der Duke University, der Staatlichen Universität St. Petersburg sowie der National Taiwan University tätig. Seine Expertise liegt in zeitgenössischen Debatten und der Ideengeschichte des Liberalismus. Darüber hinaus ist er Mitbegründer und leitender Redakteur des Magazins für öffentliche Philosophie “ævum“.




