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Anfahren am Berg der Herausforderungen

Von Prof. Dr. Thomas Beyerle

Immer erscheinen die aktuellen Umwälzungen und Herausforderungen die größten, welches es jemals gab. Doch stimmt das? Gefühlt mag das sein, in der nüchternen Welt der rationalen Analyse jedoch ein klares Nein. Denn letztlich kommen 99% der „plötzlichen“ Ereignisse mit Ansage, „man hätte es sehen können“ wird dann gerne als Erklärung des retrospektiven Versagens von „Experten aus dem weichen Sessel“ angeführt. Dabei geht es weniger um das Wissen selbst, sondern um die Vorstellungskraft, welche Wirkungen bzw. sich Konsequenzen daraus erwachsen. Vor allem in welchem Zeitraum.

Prof. Thomas Beyerle
Prof. Thomas Beyerle

Beispiel gefällig? Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, erschient im Februar 2022 als plötzliches Ereignis, doch folgte einem langfristigen Plan, wie wir uns heute eingestehen müssen, weil wir es uns nicht vorstellen wollten bzw. auch konnten. Eine Konsequenz: ein nicht geplantes Ereignis auf die Flugrouten – Ergebnis mehr Flugzeit und Kerosinverbrauch auf dem Weg nach Asien. Das Auftreten einer globalen Pandemie und deren Wirkungen, auch auf die Logistikmärkte, lag zwar als „Eintrittswahrscheinlichkeit <1%“ in den Schubladen vieler Institutionen (spätestens seit der Influenza-A-Virus H5N1 – auch unter dem Begriff „Vogelgrippe“ bekannt) doch die Wirkungen wurden völlig unterschätzt. Die Kausalkette „Pandemie – Homeoffice – Logistikboom“ hatten wiederum die Wenigsten auf dem Schirm. Weitere Beispiele die „plötzlichen Charakter“ hatten lassen sich anführen. Lehmann-Pleite, IPhone Revolution, Wärmepumpen Hausse, Trump Wahl 2.0 etc.

Mit dem Fokus auf die Transport-, Verkehr- und Logistikmärkte müssen ebenfalls Herausforderungen angeführt werden. Doch kommen die ebenfalls „aus dem Nichts“? Ein klares Nein. Zumal „der Logistik“ in der Koalitionsvereinbarung einen breiten Raum eingeräumt wurde, insbesondere im Kapitel 1.3. Verkehr und Infrastruktur, Bauen und Wohnen. Es taucht folglich nichts plötzlich am Horizont auf, aber auch keine sofortige Lösung liegt parat, sieht man von der sofortigen Abschaffung des Lieferketten-sorgfaltspflichtengesetzes (LkSG)ab, um bürokratische Belastungen für Logistik-dienstleister zu reduzieren. Immerhin, sicher ein Ergebnis aus Wahlkampfgetöse und Lobbyismus.

Die Herausforderungen lesen sich denn auch etwas langweilig, weil allseits bekannt. Zu nennen sind hier Lieferkettenstörungen, Nachhaltigkeit, hier vor allem der Druck, CO₂-Emissionen zu reduzieren bzw. Investitionen in grüne Technologien. Dazu gesellen sich schlagwortartig der allseits bekannte Fachkräftemangel, die „Digitalisierung und Technologieintegration“, der Kostendruck, die Einhaltung von Vorschriften, das Mithalten beim E-Commerce-Wachstum oder Cybersecurity.

Doch man reibt sich die Augen, denn die Lösungen liegen auch auf dem Tisch, zumindest aus der politischen Adlerperspektive in Schönschrift: Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung –. „dass Deutschland mutige Wege zur Beschleunigung von Planungs- und Bauprozessen gehen muss“. Dies umfasst eine grundlegende Überarbeitung von Planungs-, Bau-, Umwelt-, Vergabe- und Verwaltungsverfahrensrecht, um Verkehrsprojekte schneller umzusetzen. Oder „Individuelle Mobilität“: individuelle Mobilität wird als Freiheit betrachtet und verschiedene Verkehrsträger sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Noch mehr, aber man muss halt schon daran glauben: LKW-Maut und Infrastruktur-finanzierung: Die LKW-Maut soll in einem verkehrsträgerbezogenen Finanzierungskreislauf direkt in die Verkehrsinfrastruktur reinvestiert werden. Oder der branchenübergreifende Klassiker „CO₂-Bepreisung“: Im Rahmen der Eurovignetten-Richtlinie wird geprüft, wie Mehrfachbelastungen des Straßengüterverkehrs durch CO₂-Bepreisung reduziert werden können. Immerhin, die Mautbefreiung für emissionsfreie LKW wurde über 2026 hinaus verlängert.

Ehrlicherweise kommt das Wort „sollen“ nur bei denjenigen an, welche auch „lesen“ und weniger nur den Schlagworten Glauben schenken in der Kurzzusammenfassung „auf Insta“. Und ja, die genannten Maßnahmen sind teilweise unter Finanzierungs-vorbehalt, und Verbände wie der DSLV und BWVL kritisieren zu recht, dass einige Pläne zu vage bleiben und konkrete Umsetzungspläne sowie Zeitvorgaben fehlen.

Hier muss eine noch stärkere Kommunikation und Druck auf die Abgeordneten erfolgen, sinnhafte Maßnahmen schnell auf den Weg zu bringen. Gerade jetzt ist die Möglichkeit groß nach den ersten „100 Tagen Merz“. Damit lassen sich „die Probleme“ von heute und morgen zumindest managen und die „Plötzlichkeit“ etwas reduzieren. Idealerweise sogar lösen, ohne Anfahren mit Handbremse am Berg der Herausforderungen.

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